21.–24.05.2019

#interzum2019

Gestalterisches Erkunden: Interview mit Wolfram Putz von GRAFT

20.03.2019

Thomas Willemeit, Wolfram Putz, Lars Krückeberg von GRAFT, © Pablo Castagnola

Mit Büros in Berlin, Los Angeles und Beijing gehört GRAFT zu den renommiertesten Architektur- und Designbüros in Deutschland. Wir sprachen mit dem Büropartner und Mitgründer Wolfram Putz über Entwicklungen im Materialbereich und Customization in der Architektur.

Wolfram Putz, GRAFT ist im Interior- und Produktdesign ebenso tätig wie in Architektur und Städtebau. Welche wichtigen Trends sehen Sie heute im Bereich von Materialien und Oberflächen?

Wir sehen derzeit weniger eine Kehrtwende in den Trends als vielmehr eine Verstärkung bestehender Entwicklungen. Themen wie Rough Luxury, Health, Re- und Upcycling, Performance in Hinblick auf den ökologischen Impact setzen sich fort. Entsprechende Zertifizierungen werden im Markt stark nachgefragt. Darüber hinaus spielt Atmosphäre weiterhin eine wichtige Rolle, insbesondere eine natürliche Anmutung. Das ist auch in Ordnung, wir hätten aber gehofft, dass mit den neuen Kunststoffen vielleicht wieder so etwas wie eine zukunftsfreudige „Barbarella“-Euphorie entstehen könnte wie in den 60ern. Doch die differenziertere Botschaft, dass es sich um recyceltes Material handelt, lässt sich am ehesten vermitteln, wenn das Produkt entsprechend aussieht. Ein wirklicher Paradigmenwechsel in der Gestaltung steht noch aus. Das gilt auch für die Einbindung neuer Technologien. Wenn man etwa an leitende Oberflächen denkt oder an Vorhangstoffe, die ihre Lichtdurchlässigkeit verändern können: Das kommt eher en passant. Es wäre schön, wenn am Markt auch mehr gestalterisches Erkunden möglich wäre.

GRAFT: Old Mill Hotel, Belgrad/Serbien, © Tobias Hein

Inwieweit kooperieren Sie im Produkt- und Interiorbereich mit Herstellern, vielleicht auch was die Entwicklung von Materialien angeht?

Wir machen heute mehr Produktdesign als früher und arbeiten auch mit Herstellern zusammen. Wir entwickeln gerade etwa eine Teppichserie für einen großen Hersteller und entwerfen Möbel oder Beleuchtung, wo es etwa im Bereich LED, OLED etc. große technologische Fortschritte gibt. Gerade haben wir eine große Lichtskulptur mit einem Leuchtenhersteller entwickelt. Unsere Arbeit betrifft aber eher die Gestaltung als konkret Impulse an die Hersteller in der Materialentwicklung zu geben; dafür sind die Stückzahlen in der Regel nicht ausreichend.

GRAFT: Showpalast München, © Stefan Müller-Naumann, by courtesy of EQUILA

Über Stückzahlen gesprochen: Welche Rolle spielt Customization?

Das ist schon ein großes Thema. Das Versprechen des Rapid Prototyping hat sich aber noch nicht gänzlich bewahrheitet, wenn man auf die Kosten schaut. Armaturen ließen sich 3D-metalprinten, aber in der Regel werden doch die passenden Werkzeuge erstellt und das fließt in den Preis mit ein. Auch Gewährleistungsfragen sind schwieriger als bei traditioneller Herstellung. Generell gibt es in dieser Hinsicht eine Entwicklung, aber diese ist sehr produktabhängig. Wo die Industrie bereits entsprechende Möglichkeiten hat, nutzen wir sie. Darüber hinaus machen wir Customization im Möbelbau auf ganz klassische Weise, mit einem Tischler und einem Polsterer. Das hängt natürlich von der Funktion und vom Budget eines Architekturprojekts ab; bei einem Luxushotel sind andere Dinge möglich als im Wohnungsbau.

GRAFT: Drift Lounge für Interprofil, © ipdesign

GRAFT: Bibliolongue, © Hiepler Brunier Architekturfotografie

GRAFT: Phantom Table, © Studio Hamm (für SZ Magazin)

Digitalisierung ist heute ein prägendes Thema. Inwieweit wird sie schon ganz konkret in unsere Wohnräume integriert?

Die Digitalisierung wirkt sich auf Materialien und Produktion aus, betrifft aber auch die „Hardware Haus“. Wir beobachten eine steigende Nachfrage – in sehr ausgeprägter Form sprechen wir natürlich noch von einem High-End-Markt. Wenn zum Beispiel die Wohnzimmerwand zum riesigen LED-Screen werden soll, ist das eine Kostenfrage. Hinzu kommen sehr kurze Amortisierungsfristen, weil die Hardware nach wenigen Jahren schon wieder veraltet ist: Die extreme Entwicklungsgeschwindigkeit ist Treiber und gleichzeitig Bremse in der Implementierung. Hinzu kommt die Problematik des Data Harvesting, das geheime Abgreifen unserer privaten Informationen im Wohn- oder Arbeitsbereich, etwa über einen vernetzten Brandmelder, der keineswegs nur seine genuine Aufgabe erfüllt. Es wird sich zeigen, ob eine wachsende Aufmerksamkeit der Verbraucher für diese Risiken am Ende der Entwicklung Grenzen setzen wird.

GRAFT wurde von Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit gegründet und realisiert mit Büros in Berlin, Los Angeles und Beijing Projekte vom Produktdesign bis zum Städtebau. Gemeinsam mit Marianne Birthler kuratierte GRAFT den Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig 2018.

www.graftlab.com