interzum award: Ein Interview mit Martin Darbyshire (tangerine)

04.05.2017

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Martin Darbyshire, © INDEED Photography

„Schöne wie einfache Lösungen“ zu finden, ist das Ziel von Martin Darbyshire. Der Gründer und Geschäftsführer des Londoner Designstudios tangerine ist Jurymitglied für den interzum award 2017. Wir sprachen mit dem renommierten Entwerfer über die Bedeutung von Innovationen, Anregungen für die eigene Arbeit und die Erwartungen an die kommende interzum.

Herr Darbyshire, Sie sind Mitglied der Jury für den diesjährigen interzum award. Welche Maßstäbe haben Sie für die Beurteilung von Qualität und Innovationspotential der eingereichten Beiträge angelegt?

Meines Erachtens ist der richtige Maßstab für eine Bewertung jeweils die Frage, ob es sich wirklich um eine Innovation handelt. Natürlich hängt das davon ab, was für den einzelnen Betrachter eine Innovation ausmacht. Viele der von uns bewerteten Einreichungen sind innovativ, weil sie als Ergebnis eines gedanklichen Prozesses bestimmte Verbesserungen für den Nutzer erreichen. Und obwohl solche Verbesserungen für den Nutzer oft nahezu unsichtbar sind, können sie doch einen großen Unterschied bewirken. Einige der Einreichungen sind wirklich sehr intelligent und hervorragend umgesetzt. Besonders fasziniert daran hat mich die durchdachte, unglaublich sorgfältige Herangehensweise, um einen kreativen Durchbruch auf einem bestimmten Gebiet zu erreichen oder mit viel Phantasie eine neue Form des Ausdrucks zu finden – eine neue Lösung. Statt um komplettes Design geht es eher um das einzelne Element und die Frage, welchen Beitrag es für das Ganze leistet und inwiefern es sich eventuell auch auf andere Bereiche übertragen lässt.

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Virgin Australia, New Business Class © tangerine

Gab es unter den Einreichungen echte Überraschungen für Sie?

Ja, eine ganze Menge. So gab es einige Beispiele einer neuartigen und absolut überzeugenden Verwendung natürlicher, organischer Materialien. Bei vielen dieser Materialien steht die Frage eines nachhaltigen Umgangs mit der Umwelt und ihren Ressourcen im Vordergrund – ein Aspekt, der immer wichtiger wird. Als Designern haben wir eine besondere Verantwortung, für eine nachhaltigere Entwicklung einzutreten. Denn so wie bisher können wir mit unserem Verbrauchsverhalten einfach nicht mehr weitermachen. Daher war es sehr interessant zu sehen, wie viele Gedanken sich die Entwickler machen, wie viel Sorgfalt darauf darauf verwandt wurde, Produkte zu schaffen, die wirklich den Nutzen verbessern und gleichzeitig so sparsam wie möglich im Verbrauch von Ressourcen sind.

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Cepsa Flagship Service Station © tangerine

Welche Trends sehen Sie im Bereich Materialien und Oberflächen?

Für mich persönlich ist die Synthese von Design und Technologie ein zunehmend wichtiger Aspekt. Wenn das gelingt, kann eine optimale Lösung erreicht werden. Meiner Meinung nach muss sich der Nutzer heute darauf verlassen können, dass ein Produkt sorgfältig gefertigt und clever und intelligent aufgebaut ist. So lässt es sich einfach reparieren oder auch austauschen – und leistet damit insgesamt einen echten Beitrag zur Verbesserung.

Wie wichtig sind Materialien und Oberflächen für Ihre eigene Arbeit?

Sehr wichtig. Oberflächen und verwandte Materialien sind immer sichtbarer Ausdruck der Qualität eines Produkts. Die materielle Qualität schöner Dinge ist etwas, das jeder wahrnimmt und auch genießt. Da gibt es einen spürbaren Unterschied zwischen Dingen, die sich irgendwie falsch und solchen, die sich genau richtig anfühlen.

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Innisfree Flagship Store © tangerine

Konnten Sie Inspirationen aus den Einreichungen für den interzum award ziehen?

Unter den Einreichungen waren einige sehr interessante Ideen, die wir in abgewandelter Form vielleicht auch innerhalb unserer Projekte einsetzen können. Insgesamt ergeben die Wettbewerbsbeiträge ein sehr breites Spektrum – von sehr kleinen, intelligent konstruierten Spritzgussformen bis hin zu viel weiter gedachten Entwicklungen und echtem technologischen Neuland – eine wirklich große Vielfalt.

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Cathay Pacific’s unique proprietary designed six-way headrest © tangerine

Welche Erwartungen haben Sie an die anstehende interzum?

Als Designern geht es uns auf der Messe um Inspiration, neue Impulse und Anregungen. Dort haben wir die Gelegenheit, neue Materialien und neue Ansätze zu entdecken, die wir dann in unserer Arbeit nutzen können. Eines unserer Teams befasst sich speziell mit Farben, Materialien und Oberflächen und ist daher immer auf der Suche nach neuen Ideen. Wir kommen ja vom Produktdesign. Speziell im Transportbereich haben wir schon viel entworfen. Wir gestalten Innenräume von Flugzeugen, Zügen etc. – dabei ist naturgemäß ein größerer Komfort für die Passagiere ein wichtiger Aspekt, beispielsweise durch bestimmte Mechanismen oder verstellbare Sitze. Wir denken sehr intensiv darüber nach, wie man ein besseres Nutzererlebnis schaffen kann, etwa durch schlankeres Design und die Reduzierung von Komplexität. Das Ziel ist es, gleichermaßen schöne wie einfache Lösungen zu finden.

Martin Darbyshire ist Gründer und Chef des international renommierten Designstudios und Beratungsbüros tangerine, das für Kunden wie Asiana, Azul, B/E Aerospace, Huawei, Nikon, The Royal Mint, und Virgin Australia tätig ist.

www.tangerine.net

www.interzum-award.de

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