Drei Fragen an: Farbexpertin Dr. Hildegard Kalthegener

10.04.2017

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Farbbibliothek, © SystemToWin

Als Designerin, Dozentin und Farbexpertin ist Dr. Hildegard Kalthegener für verschiedenste Branchen tätig. Auf der kommenden interzum beschäftigt sie sich in ihren Vorträgen mit dem Verhältnis von Farbsystemen und individuellem Design. Drei Fragen zu aktuellen Farbtrends und einer sinnvollen Farbplanung.

Frau Dr. Kalthegener, Welche Entwicklungen beobachten Sie zurzeit im Hinblick auf die Verwendung von Farben im Möbel- und Interiordesign?

Wir haben auf Messen und im Interieur in den letzten Jahren viele unbunte, vornehmlich graue Nuancen gesehen, was sich in Zukunft etwas ändern wird. Zwar bleibt Grau noch eine Weile beliebt, aber es diversifiziert sich in viele leicht getönte Nuancen. So wird die weniger chromatische Oberfläche perfekt auf die Akzent- oder Leitfarbe abgestimmt. Weiter verändert sich die Bedeutung von Tönungen zwischen aufgehelltem Terracotta und Wassermelonenrot. Rosa war – ebenso wie Violett – für Männer lange ein absolutes No-Go. Die richtige Nuance zwischen Flamingo und Lachs in einer geringen Quantität, kombiniert mit einer Auswahl attraktiver Graunuancen und schönen Hölzern kann aber heute sogar einen trendbewussten Blickfang für alle darstellen. Wichtig ist es, die Trends so schnell wie möglich zu erkennen, so dass man über einen längeren Zeitraum nachdenken kann, ob und wie man sie einsetzt.

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Planung mit Echtmustern, © SystemToWin

Auf der kommenden interzum halten Sie auf der Piazza Materials & Nature einen Vortrag über Farbsysteme und die zunehmende Individualisierung im Design. Wie verhält sich beides zueinander?

Individualisierung und System müssen sich in meinen Augen nicht widersprechen. Viele Einrichter und Nutzer denken, ein Farbsystem – und dabei ist es fast gleich welches –schränke kreative Auswahl- und Kombinationsmöglichkeiten ein, so dass originelle Lösungen verhindert würden. Dem ist nicht so. Es gibt durchaus systemimmanente Ideen, mithilfe derer sich eine Vielzahl individueller Lösungen entwickeln lassen – und zwar leicht und zielsicher. Bei einer cleveren Kollektionsplanung kann dies sogar mit relativ wenigen Farben gewährleistet werden.

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Impression von der imm cologne 2017, © Hildegard Kalthegener

Farbe erfüllt gleichzeitig einen funktionalen wie atmosphärischen Anspruch. Welche Kriterien sollte man für die Farbentscheidung im Interieur berücksichtigen?

Die Suche nach allgemeingültigen Regeln zur Erzeugung einer Farbharmonie hat trotz aller „Smart Solutions“ bis heute nicht zu einer allseits akzeptierten Lösung geführt. Dennoch ist es hilfreich, bestimmte Kriterien zu kennen. Vor allem, wenn man – wie so häufig im beruflichen Alltag – kaum Zeit und selten das Budget für Experimente hat. Farbplanung sollte man auch nicht am Bildschirm vornehmen: Die Abweichungen sind eine häufige Fehlerquelle. Es ist viel sicherer, auf physische Echtmuster von Farben und Materialien zurückzugreifen, auch wenn das vielleicht nach „Old School“ aussieht. Meiner Meinung nach gibt es viel mehr nachvollziehbare, wenn auch komplexe Regeln als Laien gemeinhin bekannt sind. In meinem Vortrag auf der interzum werde ich näher darauf eingehen.

Der Vortrag von Dr. Hildegard Kalthegener auf der interzum findet täglich vom 16. bis zum 19. Mai, jeweils um 13:30 Uhr, auf der Piazza Materials & Nature in Halle 10.2 statt.

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Dr. Hildegard Kalthegener

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